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Interview Oliver Neuhaus, Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken

Die traditionellen Modelle müssen aufgelöst werden!

An der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken haben Sie die Zulassung für 520 Ausbildungs- und Studienplätze in 10 Gesundheitsfachberufen. Jährlich beginnen allein 100 bis 120 junge Leute bei Ihnen eine Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege bzw. Kinderkrankenpflege. Gleichzeitig hört man immer wieder, dass der Pflegeberuf immer unattraktiver wird. Wie passt das zusammen?

Die jungen Menschen, die hier eine Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege bzw. Kinderkrankenpflege beginnen sind voller Idealismus und orientieren sich an ihren eigenen Wertevorstellungen. Leider wird die Negativität bezogen auf den Pflegeberuf zurzeit in den Medien, in der Bevölkerung und zum Teil von Pflegekollegen selbst verankert. Dieses verunsichert viele potentielle Bewerberinnen und Bewerber und erschwert uns die Akquisetätigkeiten.

Das heißt, mit dem langjährigen Job als Pflegekraft steigt die Frustration?

Das ist in der Tat häufig so und leider suchen sich diese Pflegefachkräfte dann beruflich eine neue Orientierung. Man könnte denken, dass wir in Deutschland nicht genug ausgebildete Mitarbeiter in der Pflege haben, aber es gibt eine größere Zahl, die nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten möchte, oder ihren Stellenanteil, bedingt durch familiäre Verpflichtungen, deutlich reduzieren.

Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit junge Menschen, dauerhaft gerne in Pflegeberufen arbeiten?

Rahmenbedingungen müssen sich in allen Bereichen der beruflichen Pflege verändern. Die Vereinbarkeit von Familie bzw. Freizeit und Beruf muss mehr in den Fokus rücken. Geld spielt Untersuchungen zufolge eher eine untergeordnete Rolle. Work-Live-Balance bedeutet in diesem Zusammenhang, dass junge Menschen durchaus bereit sind, viel zu arbeiten, jedoch muss das Privatleben besser planbar sein.

Wie kann das funktionieren?

Die traditionellen Arbeitszeitmodelle müssen aufgelöst werden. Pflege bedeutet 24 Stunden und 7 Tage die Woche, daran wird sich nichts ändern, aber die Arbeitseinheiten müssen anders getaktet werden. Es wird die wichtigste Herausforderung an die Führungskräfte sein, das vorhandene Gestaltungspotenzial besser zu nutzen.

Sie bilden an der Akademie in über zehn Berufen aus. Welches Potenzial bietet das Gesundheitswesen für interessierte Bewerber?

Zunächst einmal sind die Berufsbilder wesentlich komplexer geworden. Die Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind umfassend und sehr vielfältig. Zudem ist die Gesundheitswirtschaft ein stark wachsender Markt, der den Absolventinnen und Absolventen in den Gesundheitsberufen hervorragende Berufs- und Karrierewege aufzeigt sowie eine Arbeitsplatzsicherheit bietet.

Was macht die Akademie für Gesundheitsberufe als Ausbildungsbetrieb besonders attraktiv?

Die Akademie bietet im Gesamtspektrum grundständige Berufsausbildungen und ein Hochschulstudium in Kooperation mit der Fachhochschule Bielefeld an, somit können wir jedem Schulabgänger, vom Hauptschüler bis zum Abiturienten, eine Qualifizierungsmöglichkeit bieten. Zum Beispiel haben wir in diesem Jahr einen neuen Ausbildungsberuf – die Gesundheits- und Krankenpflege-Assistenz – an unserer Akademie etabliert. Diese einjährige Ausbildung erfordert einen Hauptschulabschluss als Zugangsvoraussetzung und bietet im Rahmen der Durchlässigkeit einen hervorragenden Einstieg in den Pflegeberuf. Des Weiteren macht uns das Gesamtportfolio an Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten attraktiv, was in dieser Form in Ostwestfalen-Lippe einzigartig ist. Das Gesamtspektrum bündelt somit eine umfassende Fachkompetenz im Lehrerkollegium welches eine berufsübergreifende und fundierte Aus- und Weiterbildung sicherstellt. Geht es beispielsweise im Unterricht der Gesundheits- und Krankenpflegeauszubildenden um Ernährungsformen bei verschiedenen Krankheitsbildern, referieren die Lehrkräfte der Diätassistentenschule im Unterricht. In anderen Ausbildungsstätten steht dieses vielfältige Knowhow in dieser Form nicht zur Verfügung.

Sie haben vor Ihrem Studium selbst eine Ausbildung in der Pflege absolviert. Was hat sich in den letzten 25 Jahren verändert in der Ausbildung und im Beruf?

Wir haben heute einen wesentlich höheren Anteil sozialwissenschaftlicher Aufgaben. Früher wurde der Schwerpunkt vermehrt auf die naturwissenschaftlichen und medizinischen Aspekte gelegt. Heute geht es zunehmend um die Hilfe zur Selbsthilfe bzw. Beratung und Anleitung von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen in allen Settings der Pflege. Durch die Akademisierung der Pflegeberufe haben zudem pflegewissenschaftliche Aspekte und Erkenntnisse einen großen Stellenwert erhalten und Einzug in die Ausbildung gehalten Des Weiteren haben sich die Herausforderungen in allen Sektoren des Gesundheitssystems natürlich auch grundsätzlich verändert. Die Patientenverweildauer in den Krankenhäusern hat sich verkürzt, chronische und dementielle Erkrankungen haben aufgrund einer höheren Lebenserwartung zugenommen. Diese Veränderungsprozesse in der Patientensteuerung und des Krankheitsspektrums tangieren somit alle Sektoren von der stationären Akutpflege, über die stationäre Langzeitpflege bis zur ambulanten Pflege und müssen auch in der Ausbildung berücksichtigt werden.

Die Pflegefachkraft von heute muss also ein breites Wissen auf allen Ebenen haben. 2020 wird die generalisierte Pflegeausbildung eingeführt. Wie bewerten Sie die Reform?

Das neue Pflegeberufegesetz ist für mich eher eine Revolution, als eine Reform! Die generalisierte Pflegeausbildung war mehr als überfällig. Wir haben uns nach der politischen Entscheidung frühzeitig mit dem Thema auseinandergesetzt und im November 2018 gemeinsam mit dem Evangelischen Fachseminar für Altenpflege der Diakonie Stiftung Salem gGmbH, mit der wir eng im Rahmen der zukünftigen Pflegeausbildung zusammenarbeiten, Pflegeeinrichtungen zu einem regionalen Kooperationsgespräch eingeladen. Die Veranstaltung wurde von mehr als 100 Teilnehmern besucht und war ein voller Erfolg.

Wie wird die Ausbildung in der Pflege zukünftig aussehen?

Die bisherigen Ausbildungsgänge zum Altenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger bzw. Kinderkrankenpfleger sollen zu einer generalistischen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Absolventen erwerben damit den europaweit anerkannten Abschluss als Pflegefachmann bzw. Pflegefachfrau und erstmalig in der Berufshistorie bekommen Pflegefachkräfte sog. „vorbehaltene Tätigkeiten“ zugeschrieben. Innerhalb dieses generalisierten Ausbildungsganges wird es Schwerpunktsetzungen geben. Auszubildende wählen zwischen den drei Schwerpunkten Langzeitpflege (stationär) / Akut- und Langzeitpflege (ambulant), Stationäre Akutversorgung (Krankenhaus) oder pädiatrische Versorgung und setzen so in der praktischen Ausbildung inhaltlich Schwerpunkte. Die Theorieausbildung wird aber in allen drei Schwerpunktsetzungen identisch sein. Zusätzlich können Auszubildende künftig ein Wahlrecht nach dem zweiten Ausbildungsjahr ausüben und den „alten“ Abschluss als Altenpfleger oder Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger erwerben. Diese haben dann jedoch nicht die gleichen Befugnisse in der Praxis wie die generalistisch ausgebildeten Pflegefachfrauen und – männer.

Das hört sich nach einer Generalisierung mit einigen Ausnahmen an.

In der Tat wird die Regelung bzw. Möglichkeit der Spezialisierung auf die „alten“ Berufsabschlüsse von vielen kritisch gesehen, denn somit haben die zukünftigen Pflegefachkräfte unterschiedliche Befugnisse. Diese Regelung soll nach 6 Jahren evaluiert und dann gegebenenfalls geändert werden. Wir sind mit dieser Sonderlösung nicht wirklich zufrieden, aber letztendlich hat der Auszubildende die freie Wahl, sich für den „alten“ Berufsweg oder die generalistische Pflegeausbildung mit mehr Befugnissen zu entscheiden. Wir werden die potentiellen Bewerber fachlich und neutral aufklären und informieren. Somit bleibt es jedem/jeder potentiellen Auszubildenden freigestellt, welcher Weg gewählt wird.

Was ist genau mit „vorbehaltenen Tätigkeiten“ gemeint?

Im Rahmen der „vorbehaltenen Tätigkeiten“ erhalten die Pflegefachkräfte Entscheidungsbefugnisse in der Pflegeprozesssteuerung, die somit nur den generalistisch ausgebildeten Pflegefachkräften vorbehalten sind. Mit dem generalistischen Ausbildungsabschluss erhalten Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner z.B. Entscheidungsbefugnis über die Pflegediagnostik und können sektorenübergreifend tätig werden. Ich finde es vor allem wichtig, dass das Berufsbild mit der neuen Gesetzgebung eine deutliche Aufwertung erfährt.