Zuhören ist gefragt – Ehrenamtliche kümmern sich um Klinikpatienten

Patientenfürsprecher haben in Kliniken ein offenes Ohr für Nöte, Sorgen und Beschwerden von Kranken. Doch längst nicht jeder kennt die Ehrenamtlichen, die sich viel mit Themen wie Tod, Schmerz und Angst auseinandersetzen müssen.

Kaum ist Lore Müller auf eine der zentralen Straßenauf dem Gelände der Mainzer Universitätsmedizin eingebogen, kommt sie aus dem Grüßen kaum noch heraus.
Fast jeder kennt sie – Ärzte, Pfleger, Patienten, Haustechniker. Vor 52 Jahren kam sie an die größte rheinland-pfälzische Klinik, erst als Krankenschwester, dann als Pflegedienstleitung für verschiedene Kliniken.

Seit Beginn ihrer Rente vor neun Jahren ist sie Patientenfürsprecherin und kümmert sich ehrenamtlich um Nöte, Sorgen und Beschwerden von Kranken. «Am Anfang war das nicht so einfach», sagt die 75-Jährige. Plötzlich habe sie als ehemalige Bedienstete auf der anderen Seite gestanden. Was sie braucht: ein offenes Ohr, Einfühlungsvermögen und Geduld.
«Man kann manchmal nur bitten und nicht gleich auf den Tisch hauen. »Zweimal in der Woche bietet sie eine Sprechstunde an. Es gebe auch ein klinikinternes Beschwerde-management. Doch viele wendeten sich lieber an sie als unabhängige Ansprechpartnerin.

«Es ist häufig immer noch so, dass Patienten Hemmungen haben, sich auf der Station zu beschweren.» Sie fürchteten zu Unrecht, nicht mehr so gut behandeltzu werden.
Auch der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz berichtet von Hemmungenbei Patienten, bei Problemen Pflegepersonal oder Klinikleitung direkt anzusprechen und zu kritisieren. Insofern seien Patientenfürsprecher wichtige Anlaufstellen. Sowohl sie als auch der VdK setzten sich für das Wohl der Patienten ein. Während Fürsprecher eher eine vermittelnde Position einnähmen, setze der VdK sozialrechtliche Ansprüche durch – zum Beispiel über Widersprüche oder Klagen.

Auch Müller sieht sich als Vermittlerin zwischen Patient, Angehörigenund Klinikpersonal. Patienten wenden sich persönlich, per Mail, Briefoder Telefon an sie. Rund 200 Beschwerden landen pro Jahr auf MüllersTisch – die hätten sich in den vergangenen Jahren verändert. Frühersei es häufig um mehrfache Verlegungen von Operationen gegangen,heute werde öfter kritisiert, dass unzureichend kommuniziert werde.Auch Patientenverfügungen seien seit wenigen Jahren ein großes Thema,Angehörige oder Betreuer sähen sich nicht immer genügend eingebunden.

Müllers Kollege an der DRK Fachklinik Bad Neuenahr, einem Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist Udo Stratmann. Der 72 Jahre alte pensionierte Förderschullehrer ist dort seit sechs Jahren aktiv und auch eine Art Sprecher aller Fürsprecher in Rheinland-Pfalz. Er sagt, viele Menschen wüssten noch immer nicht, dass es diese Ansprechpartner in Kliniken gebe. Er wünscht sich, dass alle Patienten bei der Aufnahme einen Zettel mit Infos dazu an die Hand bekämen. Das werde in den Kliniken unterschiedlich gehandhabt.

Müller zufolge drehen sich Beschwerden bei Fürsprechern immer wieder um das Essen, die Reinigung von Bett und Zimmer, Telefon- und Fernsehanlagen oder Wartezeiten bei klinikinternen Transporten. «Das Gesundheitswesen verändert sich», sagt Müller. Das beobachte sie an Häusern in ganz Deutschland. Es fehle an Personal; Mitarbeiter seien vielfach überlastet und neue Fachkräfte seien nur schwer zu finden.

Die nicht immer einfache Situation für Pfleger und Ärzte müsse mit berücksichtigt werden, sagt Müller. Auch sie würden sich manches anders wünschen. Wichtig sei bei ihrem Job eine gewisse Priorisierung bei Beschwerden. «Sie müssen ein Gefühl dafür haben, was dringlich ist.» So oder so sucht Müller möglichst schnell das persönliche Gespräch. Das komme in Zeiten von Mails und dergleichen zu kurz.

Marion Hahn, Pflegevorstand der Unimedizin, lobt Müller als «wunderbare Patienten-fürsprecherin». Sie kenne die Strukturen und dieMenschen – das sei ein großer Vorteil.
«Mit ihrer emphatischen undlösungsorientierten Art sorgt sie mit viel Engagement und Erfahrung für Verständnis und eine höhere Patientenzufriedenheit.»

Insgesamt gibt es in Rheinland-Pfalz dem Gesundheitsministeriumzufolge 93 Patienten-fürsprecher in Kliniken. Geregelt ist alles im Landeskrankenhausgesetz. Dort heißt es etwa, für jedes Krankenhausist vom zuständigen Kreis- oder Stadtrat im Einvernehmen mit dem Krankenhausträger ein Fürsprecher zu wählen, Klinik-Angestellte sind nicht wählbar. Dem Gesetz nach sollen Fürsprecher Anregungen und Beschweren von Patienten oder deren Bezugspersonen entgegennehmen und prüfen, Klinikgremien und Behörden darüber berichten, auchFürsprecher unterliegen einer Verschwiegenheitspflicht.

Lore Müller in Mainz berichtet, manche Fälle ließen sich mit einemTelefonat erledigen, andere seien sehr komplex. Es gehe viel um Tod, Schmerz, Angst – auch von Angehörigen. «Das sind dann Gespräche, die mich zum Teil noch lange beschäftigen», sagt Müller. Zwei Jahre will sie noch weitermachen, dann möchte sie ihr Amt an eine Nachfolgerin abgeben.

Quelle: dpa